Isabelle Faragallah
Ich arbeite an den Schnittstellen von Fotografie, Wahrnehmung und innerer Erfahrung. Meine künstlerische Praxis bewegt sich zwischen Beobachtung und Empfindung, zwischen dem Sichtbaren und dem, was sich nur andeutet. Mich interessieren jene feinen Resonanzen, die entstehen, wenn äußere Begegnungen innere Bewegungen auslösen.
Foto:

Künstlerstatement
Fotografie verstehe ich nicht als Mittel zur Dokumentation, sondern als einen Prozess des In-Beziehung-Tretens. Meine Bilder entstehen aus Nähe, Aufmerksamkeit und dem Vertrauen in das Unscheinbare. Oft richte ich meinen Blick auf Details, auf Licht, Oberflächen, Berührungen und Übergänge – auf Momente, die leicht übersehen werden und dennoch eine große emotionale Dichte tragen.
In meiner Arbeit erforsche ich, wie Wahrnehmung von persönlichen Erfahrungen, Erinnerungen und Stimmungen geprägt wird. Die Kamera wird dabei zu einem Werkzeug des Nachspürens. Mich interessiert nicht die eindeutige Aussage, sondern die Öffnung von Räumen, in denen Betrachterinnen und Betrachter eigene Empfindungen und Erinnerungen entdecken können.
Meine Arbeiten verbinden fotografische, poetische und konzeptuelle Ansätze. Sie laden dazu ein, langsamer zu sehen, Zwischentöne wahrzunehmen und die Vielschichtigkeit menschlicher Erfahrung als etwas Lebendiges und Wandelbares zu begreifen.
Meine Fotografie
Meine Fotografie ist geprägt von einem intuitiven und zugleich reflektierten Blick auf die Welt. Ich verstehe Sehen als einen schöpferischen Akt, bei dem innere und äußere Wirklichkeit untrennbar miteinander verbunden sind. Fotografieren bedeutet für mich, in Beziehung zu treten – mit Menschen, Orten, Situationen und mit mir selbst.
Mich interessieren die poetischen Qualitäten des Alltäglichen. In meinen Bildern suche ich nach jenen Momenten, in denen sich Verletzlichkeit, Schönheit, Melancholie oder Freude zeigen, ohne sich vollständig erklären zu lassen. Licht, Farbe und Atmosphäre spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie tragen emotionale Informationen und schaffen Räume für Assoziationen.
Meine Arbeiten bewegen sich zwischen Intimität und Offenheit. Persönliche Erfahrungen bilden häufig den Ausgangspunkt, werden jedoch nicht autobiografisch erzählt. Stattdessen entstehen Bildwelten, die eigene Erinnerungen und Empfindungen der Betrachtenden aktivieren können.
Fotografie ist für mich ein Medium der Aufmerksamkeit. Sie ermöglicht es, die Welt langsamer zu betrachten und die feinen Verbindungen zwischen Wahrnehmung, Körperlichkeit und Emotion sichtbar werden zu lassen. In diesem Sinne verstehe ich meine Bilder als Einladungen zum Verweilen, zum Fühlen und zum bewussten Sehen.
AiD ART M 2026
Innere Gezeiten
Innere Gezeiten bildet das zentrale Fotobuch innerhalb der Werkgruppe Fotothek der inneren Gezeiten. Es versteht sich als Resonanzraum, in dem unterschiedliche Ebenen von Wahrnehmung, Erinnerung und Empfindung zusammenfinden. Die Fotografien entfalten ihre Wirkung nicht als einzelne Bilder, sondern im Zusammenspiel einer vielschichtigen Bildfolge. Wiederholungen, Verschiebungen und stille Verbindungen erzeugen einen visuellen Rhythmus, der sich dem linearen Erzählen entzieht.
Der Titel verweist auf jene inneren Bewegungen, die wie Gezeiten kommen und gehen: Stimmungen, Spannungen, Sehnsüchte und kaum greifbare Veränderungen. Im Mittelpunkt stehen nicht einzelne Ereignisse, sondern Übergänge, Nachklänge und Zustände des Dazwischen. Das Buch eröffnet einen Erfahrungsraum, in dem Wahrnehmung als etwas Wandelbares und Prozesshaftes sichtbar wird.
Die fotografische Sprache ist geprägt von Nähe, Aufmerksamkeit und einer sensiblen Beobachtung des Alltäglichen. Licht, Farbe, Oberflächen und Berührungen werden zu Trägern emotionaler Resonanz. Schärfe und Unschärfe, Präsenz und Abwesenheit stehen dabei in einem fortwährenden Spannungsverhältnis. Die Bilder lassen Raum für eigene Assoziationen und verweigern sich eindeutigen Interpretationen.
Als fotografisches Spektralgedicht untersucht Innere Gezeiten die Beziehung zwischen Innen- und Außenwelt. Die Fotografien verweisen auf innere Prozesse, ohne diese zu illustrieren oder zu erklären. Vielmehr schaffen sie Möglichkeiten der Begegnung und laden dazu ein, die eigenen Wahrnehmungen in Bewegung zu versetzen.
Das Fotobuch formuliert damit einen bewussten Gegenpol zu einer schnellen und eindeutigen Bildkultur. Es eröffnet einen Ort der Verlangsamung, an dem sich Zeit, Empfindung und Wahrnehmung neu ordnen können – leise, wiederkehrend und in ständiger Veränderung.
AiD ART M 2024
Innig
„Innig“ ist der Name einer Arbeit von Isabelle Faragallah. Innig können beispielsweise Beziehungen, Bitten, Wünsche und Küsse sein. Egal um was es geht, bringt das Adjektiv „innig“ immer eine tief empfundene Emotionalität mit sich, die von flehend, sehnlich, herzlich, hingebungsvoll, liebevoll, leidenschaftlich und zärtlich bis feurig, stürmisch und wild reichen kann. Das ist auch nicht anders, wenn es um eine innige, fotografische Beziehung zu sich selbst geht.
Es ist fast unnötig zu erwähnen, dass sich am Transportieren und Kommunizieren emotionaler Stimmungen immer wieder viele Fotografinnen und Fotografen versuchen, es aber in der Fotografie nur wenigen Künstlern und Künstlerinnen meisterlich gelungen ist, solche Stimmungen einzufangen und sie in ihren Bildern auch wieder auszulösen. Herausheben lassen sich auf diesem wenig besiedelten Gebiet Dayanita Singh oder Anders Peterson, deren Bilder insbesondere in ihren Büchern Gefühle, Emotionen und Stimmungen zur Betrachterin und zum Betrachter transportieren können. Isabelle Faragallah fängt in ihren Bildern emotionalen Stimmungen ein, die ihre Bilder in vielfältiger Weise auch wieder auslösen können. Sie ist auf einem guten Weg Singh und Peterson Gesellschaft zu leisten.
Die von Isabelle Faragallah gewählten Titel sind wie Katalysatoren im Prozess der Kommunikation von Stimmungen. Als Katalysator unterstützen sie die Kommunikation der Bilder, aber sie tragen sie nicht; es sind die Bilder, die kommunizieren. Isabelle Faragallahs Einblicke in ihr Leben sind intim, lehrreich und persönlich und die ausgelösten Stimmungen sind es ebenfalls. Sie tragen nicht die Last von fadenscheinigen Verallgemeinerungen, sondern die Hoffnung auf nicht gesehene Möglichkeiten.







