Sabine Endres

Künstlerstatement

In meinen Arbeiten interessieren mich Übergänge — zwischen Nähe und Distanz, Bindung und Autonomie, Ordnung und Auflösung. Papier, Linien, Fragmente und transparente Farbräume verdichten sich zu offenen Bildwelten, die Assoziationen zulassen, ohne sie festzulegen.

Ich arbeite mit Collagen, malerischen Überlagerungen und zeichnerischen Elementen auf Leinwand und Holz. Die entstandenen Strukturen bewegen sich zwischen Fläche und Raum und führen häufig in eine fast schwebende, architektonische Bildsprache. Auch meine Objektarbeiten folgen diesem Gedanken: Einzelne Elemente verbinden sich zu fragilen Konstruktionen, die Veränderung, Bewegung und innere Balance thematisieren.

Mich interessiert nicht das fertige Ergebnis, sondern das Sichtbarmachen eines Weges. Meine Arbeiten erzählen von Wandlung, vom Unterwegssein und von der Offenheit gegenüber dem Ungewissen. Jeder Arbeitsprozess bleibt dabei eine Reise — getragen von Aufmerksamkeit, Hingabe und dem Vertrauen, dass sich im Entstehen neue Räume öffnen.

Biografie

Sabine Endres, geboren 1971 in Antwerpen, lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in Brühl bei Köln und auf Mallorca. Seit 2003 entstehen in ihrem Atelier Arbeiten in den Bereichen Malerei, Collage und Objektkunst.

Ihre künstlerische Sprache entwickelte sich autodidaktisch und unabhängig von akademischen Vorgaben. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen prozesshafte Bildentwicklungen, vielschichtige Materialkombinationen sowie das Spannungsfeld zwischen Fläche, Raum und Struktur.

Werke von Sabine Endres wurden in zahlreichen Ausstellungen und internationalen Kunstmessen präsentiert, unter anderem in Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Spanien.

AiD ART M 2026

AiD ART M 2024

Reisen auf der Grenze zwischen Bindung und Autonomie

von Ralf Jochen Moser

Die Malerei und Objektkunst von Sabine Endres bewegt sich auf einer Grenze: zwischen Bindung und Autonomie, zwischen innerer Sammlung und äußerer Bewegung, zwischen Fläche und Raum, Ordnung und Auflösung. Ihre Arbeiten erzählen auf unterschiedlichen Ebenen vom Wandel – von einem Prozess des Suchens, Verwerfens, Verdichtens und Neuordnens. Sie nehmen den Betrachter mit auf eine Reise, die zunächst die Wahrnehmung öffnet, dann den Geist berührt und schließlich das Empfinden erreicht.

Im Zentrum ihrer Arbeit steht kein festgelegtes Bildziel. Sabine Endres beginnt ohne vorgezeichneten Weg. Ihre künstlerische Haltung ist geprägt von Aufmerksamkeit, Offenheit und Vertrauen in den Prozess. Sie verweilt im Moment, folgt ihren Wahrnehmungen und wartet geduldig auf jene Eingebungen, aus denen sich die nächsten Schritte entwickeln. So entsteht ihre Arbeit in einem fortlaufenden Wechsel von Innehalten und Voranschreiten, von innerer Maßgabe und äußerem Handeln. Jeder Schritt eröffnet einen weiteren, jeder Zustand bleibt vorläufig, bis sich das Werk langsam aus sich selbst heraus entfaltet.

Dieser Prozess verlangt Hingabe an den Augenblick. Es ist ein Arbeiten, das dem Entstehen Zeit gibt und den Moment nicht als flüchtigen Zustand begreift, sondern als Verdichtung von Erfahrung. In diesem Sinne berührt ihre Kunst einen Gedanken, wie ihn Johann Wolfgang von Goethe und später auch Søren Kierkegaard formuliert haben: dass sich im bewusst gelebten Augenblick eine Erfahrung von Dauer und Ewigkeit eröffnen kann.

Genieße mäßig Füll’ und Segen,
Vernunft sei überall zugegen,
Wo Leben sich des Lebens freut.
Dann ist Vergangenheit beständig,
Das Künftige voraus lebendig,
Der Augenblick ist Ewigkeit.
(Johann Wolfgang von Goethe, Vermächtnis, 1829)

Goethes Vorstellung des „ewigen Augenblicks“ beschreibt einen Zustand, in dem sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbinden. Der Mensch erfährt sich zugleich als Teil einer größeren Ordnung und als eigenständig handelndes Wesen. Auch Kierkegaard verstand den Augenblick nicht als bloßen Übergang der Zeit, sondern als existenziellen Ort der Entscheidung und der inneren Wahrhaftigkeit – als einen Moment, in dem das Innere und Äußere, Freiheit und Bindung, Möglichkeit und Wirklichkeit aufeinandertreffen.

Genau in diesem Spannungsfeld entfaltet sich die Kunst von Sabine Endres. Ihre Werke entstehen in der Zeit und bewahren zugleich die Spuren ihres Werdens. Papierfragmente auf Leinwand oder Holz, gerissen oder geschnitten, werden lasierend überarbeitet, zeichnerisch ergänzt und malerisch verdichtet. Linien, Formen und transparente Farbschichten lagern sich übereinander, verbinden sich, lösen sich wieder auf und erzeugen vielschichtige Bildräume.

Dabei entstehen schwebende Landschaften, architektonische Andeutungen und fragile Geflechte, die sich einer eindeutigen Zuordnung entziehen. Die Arbeiten wirken häufig der Zweidimensionalität enthoben; sie öffnen imaginäre Räume und bilden ein hybrides Zwischenstadium zwischen Malerei und Objekt. Fläche wird zu Raum, Raum wieder zu Struktur und Bewegung.

Diese Offenheit setzt sich in den dreidimensionalen Arbeiten fort. Ihre Objekte bestehen aus einzelnen Elementen, die sich über mehrere Ebenen zu fragilen Konstruktionen verbinden. Assoziationen an Boote, Segel, Leitern oder architektonische Gerüste tauchen auf. Sie verweisen auf Aufbruch, Übergang und Orientierung, ohne sich symbolisch festzulegen. Einen festen Standpunkt gibt es dabei nicht. Mit jeder Bewegung verändern sich Blickachsen, Beziehungen und räumliche Zusammenhänge. Der Betrachter wird selbst Teil einer fortwährenden Bewegung des Sehens.

So wird der Wandel selbst zum eigentlichen Gegenstand ihrer Kunst. Sabine Endres erzählt nicht von abgeschlossenen Zuständen, sondern vom Unterwegssein – von der Suche nach Balance zwischen innerer Freiheit und äußerer Verbindung. Ihre Arbeiten bewahren etwas Fragiles und Offenes; sie verweigern das Eindeutige und vertrauen stattdessen auf die Kraft der Wahrnehmung, der Erfahrung und des stillen Werdens.

In dieser poetischen Offenheit liegt die besondere Qualität ihrer Kunst: Sie schafft Räume, in denen sich Zeit verlangsamt, Wahrnehmung vertieft und der Augenblick für einen Moment Dauer gewinnt.

Objekte

Malerei