
„Art meets Science“ ist das zentrale Leitmotiv der Ateliers im Delta. Seit 2010 steht der Name für ein Programm: Ateliers zwischen Wissenschaft und Kunst. Aufbauend darauf entwickeln wir eine transdisziplinäre Plattform, auf der Kunst, Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Strukturwissenschaften und Sozialwissenschaften systematisch miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Art meets Science – Kybernetische Perspektiven zwischen Kunst, Wissenschaft und Lebenskunst
Im Zentrum steht ein kybernetischer Ansatz: Wir verstehen die Welt als ein Gefüge aus Beziehungen, Rückkopplungen und Lernprozessen. Kunst wird dabei nicht nur als Ausdrucksform, sondern als eigenständiges Medium der Erkenntnis, der Modellbildung und der Reflexion komplexer Systeme genutzt.
Architekturen fünfter Ordnung – komplexe Systeme verstehen
Ein zentraler Bezugspunkt des Projekts sind sogenannte Architekturen fünfter Ordnung. Diese beschreiben Systeme, die sich nicht linear entwickeln, sondern durch Rückkopplung lernen und sich ständig verändern. Die Struktur lässt sich in fünf Ebenen beschreiben:
- Ebene 5: Gestaltung der Gesamtstruktur (gestaltet 4–1)
- Ebene 4: Bewertung und Reflexion (bewertet 3–1)
- Ebene 3: Formung und Transformation (formt 2–1)
- Ebene 2: Steuerung und Regelung (reguliert 1)
- Ebene 1: Erfahrung und Feedback
Diese Ebenen wirken gleichzeitig: Sie erzeugen nach unten Kontexte und liefern nach oben Rückmeldungen für zukünftige Entwicklungen. So entstehen dynamische Systeme, die sich selbst beobachten und weiterentwickeln.
Das Projekt nutzt diese Denkweise sowohl als künstlerisches Werkzeug als auch als Modell, um komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen – auch für Menschen ohne wissenschaftlichen Hintergrund.
Ein erweitertes Verständnis von Kunst
Ausgehend davon entwickelt „Art meets Science“ ein erweitertes Kunstverständnis. Kunst wird hier als aktiver Teil von Erkenntnisprozessen verstanden:
- Meta-Metakunst (Gestaltung von Wissens- und Ordnungssystemen)
- Metakunst (Reflexion von Kunst selbst)
- Kunst als Beobachtungs- und Erkenntnisraum
- Kunst als Reflexion von Darstellung
- Kunst als Darstellung
Kunst bildet Wirklichkeit nicht nur ab, sondern wirkt an ihrer Architektur, ihrer Konstruktion und ihrer Implementierung mit. Sie wird zu einem Raum, in dem neue Formen des Denkens entstehen.
Ein wichtiger Aspekt ist die Zugänglichkeit: Selbst komplexe Modellbildungen lassen sich als Kinderspiel vermitteln – Kinder lernen, Dinge in einen Schrank mit semantischen Fächern zu sortieren und werden die Zusammenhänge der Wahrheitssemantik verstehen. So entstehen wie beim Spiel der Logik von Lewis Caroll niedrigschwellige Zugänge zu anspruchsvollen Themen.
Die Symposiumsreihe
Das Projekt wird als mehrteilige Symposiumsreihe umgesetzt. Den Auftakt bildet das Symposium im Juni 2026 im Rahmen der AiD ART M 2026.
Beteiligt sind Künstler:innen an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, darunter:
Prof. Dr. Gerhard Kilger, Paul Hirsch, Hannah Moser, Ralf Moser, Dieter Nusbaum, Dominik Schmitt und Rubica von Streng. Weitere Positionen sind geplant.
Die Inhalte sind entlang der Ordnungsebenen strukturiert:
- Meta-Metakunst (5. Ordnung)
- Kosmologie & Ordnung (5. Ordnung)
- Interdisziplinäre Praxis (3. Ordnung)
- Kunst als Erkenntnispraxis (3. Ordnung)
- Metakunst und Lebenskunst (4. Ordnung, u. a. Adrian Piper gewidmet)
Die Reihe wird im Jahresverlauf durch weitere Symposien vertieft, insbesondere zu Meta-Kunst und Lebenskunst.
Formate und Vermittlung
Die Veranstaltungen sind dialogisch aufgebaut und folgen einer klaren Dramaturgie:
- Künstlerisches „Setting the Scene“
- Podiumsdiskussion
- Austausch mit dem Publikum
- Offene Reflexionsphase
Ein besonderes Merkmal sind die eigens entwickelten Vermittlungsformate der Zettelwirtschaft für Lebenskrisen Carpe Diem et Noctem, die in einer Fächermappe zur Verfügung gestellt werden:
- Denkzettel – Metaloge als Impulse zum Weiterdenken
- Merkzettel – inhaltliche Verdichtung der angesprochenen Themen
- Spickzettel – Informationen zu Künstler:innen
- Laufzettel – Orientierung im Raum
- Ablaufzettel – Orientierung in der Zeit
Diese Formate fördern eigenständiges Denken und ermöglichen eine nachhaltige Auseinandersetzung über die Veranstaltung hinaus. Für eigene Notizen können sie – wie gewohnt – Notizzettel verwenden.
Zielgruppen und Teilhabe
Das Projekt richtet sich bewusst über das klassische Kunstpublikum hinaus. Es spricht insbesondere Menschen aus der Industrie- und Technologieregion Mannheim an – darunter Forschende, Ingenieur:innen und technisch Interessierte.
Zugleich werden neue Zugänge zur Kunst geschaffen, insbesondere für Menschen ohne bisherigen Bezug. Durch seine offene Struktur stärkt das Projekt soziale und kulturelle Teilhabe sowie lebenslanges Lernen und ermöglicht den Zugang zu komplexen Themen auf verständliche Weise.
Wirkung und gesellschaftliche Bedeutung
„Art meets Science“ leistet einen innovativen Beitrag zur Verbindung von Kunst und Wissenschaft. Es stärkt Kunst als Erkenntnisform, integriert kybernetische und systemische Ansätze und entwickelt neue Formen der Wissensvermittlung.
Gleichzeitig eröffnet das Projekt Perspektiven für eine reflektierte Lebenspraxis im Umgang mit Komplexität, Digitalisierung und gesellschaftlichem Wandel. Es macht Zusammenhänge zwischen individueller Entscheidungsfreiheit, gesellschaftlicher Vielfalt und gelebter Demokratie erfahrbar.
Perspektive und Nachhaltigkeit
Langfristig entsteht eine Plattform, die Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft enger miteinander verbindet. Ziel ist die Entwicklung einer „kybernetischen Kulturpraxis“, die neue Formen des Denkens, Wahrnehmens und Handelns ermöglicht.
Beitrag zur strategischen Ausrichtung der Stadt Mannheim
Das Projekt stärkt Mannheim als Wissens- und Kulturstadt. Es fördert Teilhabe, Bildung und Dialog und spricht gezielt neue Zielgruppen an. Zugleich greift es zentrale Zukunftsthemen wie Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Innovation auf und verbindet sie mit kultureller Reflexion. Es unterstützt demokratische Beteiligung, Vielfalt und nachhaltiges Denken und trägt so zu einer offenen, lernenden und zukunftsfähigen Stadtgesellschaft bei.
