Das erste Symposium der Veranstaltungsreihe Art meets Science findet am 14. Juni 2026 statt.

Für die Teilnahme ist ein kostenloses Ticket erforderlich.

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„Art meets Science“ ist das zentrale Leitmotiv der Ateliers im Delta. Seit 2010 steht der Name für ein Programm, das Ateliers als Orte des Austauschs zwischen Wissenschaft und Kunst versteht. Darauf aufbauend entwickeln wir eine transdisziplinäre Plattform, auf der Kunst, Natur-, Ingenieur-, Struktur- und Sozialwissenschaften systematisch miteinander in Beziehung treten.

Im Jahr 2026 ist die Zeit reif, einen großen Schritt nach vorne zu gehen und ein nachhaltiges Projekt zu etablieren. Den Auftakt von Art meets Science bildet eine geförderte Symposiumsreihe, die den Dialog zwischen künstlerischer Praxis und wissenschaftlicher Forschung vertieft und neue Formen der Zusammenarbeit eröffnet.

Art meets Science – Kybernetische Perspektiven zwischen Kunst, Wissenschaft und Lebenskunst

Im Zentrum steht ein kybernetischer Ansatz: Wir verstehen die Welt als ein Gefüge aus Beziehungen, Rückkopplungen und Lernprozessen. Kunst wird dabei nicht nur als Ausdrucksform, sondern als eigenständiges Medium der Erkenntnis, der Modellbildung und der Reflexion komplexer Systeme genutzt.

Architekturen fünfter Ordnung – komplexe Systeme verstehen

Ein zentraler Bezugspunkt des Projekts sind sogenannte Architekturen fünfter Ordnung. Diese beschreiben Systeme, die sich nicht linear entwickeln, sondern durch Rückkopplung lernen und sich ständig verändern. Die Struktur lässt sich in fünf Ebenen beschreiben:

  • Ebene 5: Gestaltung der Gesamtstruktur (gestaltet 4–1)
  • Ebene 4: Bewertung und Reflexion (bewertet 3–1)
  • Ebene 3: Formung und Transformation (formt 2–1)
  • Ebene 2: Steuerung und Regelung (reguliert 1)
  • Ebene 1: Erfahrung und Feedback

Diese Ebenen wirken gleichzeitig: Sie erzeugen nach unten Kontexte und liefern nach oben Rückmeldungen für zukünftige Entwicklungen. So entstehen dynamische Systeme, die sich selbst beobachten und weiterentwickeln.

Das Projekt nutzt diese Denkweise sowohl als künstlerisches Werkzeug als auch als Modell, um komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen – auch für Menschen ohne wissenschaftlichen Hintergrund.

Die Symposiumsreihe: Ein erweitertes Verständnis von Kunst

Das Projekt wird als mehrteilige Symposiumsreihe umgesetzt. Den Auftakt bildet das Symposium im Juni 2026 im Rahmen der AiD ART M 2026. Im weiteren Jahresverlauf wird die Reihe durch zusätzliche Veranstaltungen vertieft – insbesondere zu den Themen Meta-Kunst und Lebenskunst.

Art meets Science entwickelt ein erweitertes Verständnis von Kunst. Kunst wird dabei nicht allein als Darstellung verstanden, sondern als aktiver Teil von Erkenntnis- und Ordnungsprozessen.

Die Symposiumsreihe bewegt sich zwischen verschiedenen Ebenen künstlerischer Reflexion:

  • Meta-Metakunst
    (Gestaltung von Wissens- und Ordnungssystemen)
  • Metakunst
    (Reflexion von Kunst selbst)
  • Kunst als Beobachtungs- und Erkenntnisraum
  • Kunst als Reflexion von Darstellung
  • Kunst als Darstellung

Kunst bildet Wirklichkeit nicht nur ab, sondern wirkt an ihrer Architektur, Konstruktion und Implementierung mit. Sie eröffnet Räume, in denen neue Formen des Denkens, der Wahrnehmung und des Wissens entstehen können.

Ein zentraler Aspekt des Projekts ist die Zugänglichkeit komplexer Inhalte. Selbst anspruchsvolle Modellbildungen lassen sich spielerisch vermitteln: Kinder lernen etwa, Dinge in semantische Ordnungen einzuordnen und entwickeln dabei ein Verständnis für Zusammenhänge, Kategorien und Wahrheitssemantik. Ähnlich wie in den logischen Spielen von Lewis Carroll entstehen dadurch niedrigschwellige Zugänge zu komplexen Fragestellungen.

Formate und Vermittlung

Die Veranstaltungen und die Themenbeiträge sind dialogisch aufgebaut und folgen einer klaren Dramaturgie:

  • Künstlerisches „Setting the Scene“
  • Podiumsdiskussion
  • Austausch mit dem Publikum
  • Offene Reflexionsphase

Ein besonderes Merkmal sind die eigens entwickelten Vermittlungsformate der Zettelwirtschaft für Lebenskrisen Carpe Diem et Noctem, die als Zettelwirtschaft zur Verfügung gestellt werden:

  • Denkzettel – Metaloge als Impulse zum Weiterdenken
  • Merkzettel – inhaltliche Verdichtung der angesprochenen Themen
  • Spickzettel – Informationen zu Künstler:innen
  • Laufzettel – Orientierung im Raum
  • Ablaufzettel – Orientierung in der Zeit

Diese Formate fördern eigenständiges Denken und ermöglichen eine nachhaltige Auseinandersetzung über die Veranstaltung hinaus. Für eigene Notizen können sie – wie gewohnt – Notizzettel verwenden.

Zielgruppen und Teilhabe

Das Projekt richtet sich bewusst über das klassische Kunstpublikum hinaus. Es spricht insbesondere Menschen aus der Industrie- und Technologieregion Mannheim an – darunter Forschende, Ingenieur:innen und technisch Interessierte.

Zugleich werden neue Zugänge zur Kunst geschaffen, insbesondere für Menschen ohne bisherigen Bezug. Durch seine offene Struktur stärkt das Projekt soziale und kulturelle Teilhabe sowie lebenslanges Lernen und ermöglicht den Zugang zu komplexen Themen auf verständliche Weise.

Wirkung und gesellschaftliche Bedeutung

„Art meets Science“ leistet einen innovativen Beitrag zur Verbindung von Kunst und Wissenschaft. Es stärkt Kunst als Erkenntnisform, integriert kybernetische und systemische Ansätze und entwickelt neue Formen der Wissensvermittlung.

Gleichzeitig eröffnet das Projekt Perspektiven für eine reflektierte Lebenspraxis im Umgang mit Komplexität, Digitalisierung und gesellschaftlichem Wandel. Es macht Zusammenhänge zwischen individueller Entscheidungsfreiheit, gesellschaftlicher Vielfalt und gelebter Demokratie erfahrbar.

Perspektive und Nachhaltigkeit

Langfristig entsteht eine Plattform, die Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft enger miteinander verbindet. Ziel ist die Entwicklung einer „kybernetischen Kulturpraxis“, die neue Formen des Denkens, Wahrnehmens und Handelns ermöglicht.

Beitrag zur strategischen Ausrichtung der Stadt Mannheim

Das Projekt stärkt Mannheim als Wissens- und Kulturstadt. Es fördert Teilhabe, Bildung und Dialog und spricht gezielt neue Zielgruppen an. Zugleich greift es zentrale Zukunftsthemen wie Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Innovation auf und verbindet sie mit kultureller Reflexion. Es unterstützt demokratische Beteiligung, Vielfalt und nachhaltiges Denken und trägt so zu einer offenen, lernenden und zukunftsfähigen Stadtgesellschaft bei.

Symposium Art meets Science (14.6.26)

Für die Teilnahme ist ein kostenloses Ticket erforderlich.

Beteiligt sind Künstler:innen an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, darunter: Prof. Harald Fuchs, Prof. Dr. Gerhard Kilger, Paul Hirsch, Hannah Moser, Ralf Moser, Dieter Nusbaum, Dominik Schmitt und Rubica von Streng.

Das erste Symposium von Art meets Science widmet sich den Beziehungen zwischen Kunst, Wissenschaft, Kosmologie und Erkenntnispraxis. Die Beiträge und Gespräche sind in folgende Themenfelder gegliedert:

  • Die Architektur der 10000 Dinge des DAO
  • Kosmologie & Ordnung
  • Interdisziplinäre Praxis
  • Kunst als Erkenntnispraxis
  • Metakunst und Lebenskunst
    (Adrian Piper gewidmet)
    Meta-Metakunst (5. Ordnung)

Die Architektur der 10000 Dinge des DAO

Die Geschichte der Architektur der 10 000 Dinge des DAO ist eine Geschichte von Ordnung und Chaos — und damit zugleich eine Geschichte des menschlichen Selbstverständnisses.

Sie beginnt mit den frühen Schöpfungsmythen der Sumerer. Bereits dort erscheint die Einsicht, dass Ordnung niemals endgültig gesichert ist: Ordnung ist zerbrechlich, Chaos nicht nur zerstörerisch, sondern auch schöpferisch. Transformation verlangt Opfer, und höhere Ordnung entsteht aus Spannungen, Übergängen und Krisen.

Nach langen Phasen metaphysischer und idealisierender Weltdeutungen gelangt die moderne Wissenschaft auf überraschend ähnliche Weise zu vergleichbaren Einsichten — allerdings in der Sprache mathematischer Modellbildung. Begriffe wie Entropie, Komplexität, Emergenz, Nichtlinearität, Selbstorganisation und Information beschreiben heute Prozesse, in denen Ordnung nicht statisch gegeben ist, sondern dynamisch aus Instabilität hervorgeht.

So schließt sich ein bemerkenswerter Kreis zwischen Mythos und Wissenschaft: Die ältesten kosmologischen Erzählungen und die modernsten wissenschaftlichen Theorien begegnen sich in der Erkenntnis, dass Chaos nicht der Gegenpol von Ordnung ist, sondern ihre Voraussetzung.

Damit verschwinden metaphysische und idealisierende Weltdeutungen jedoch nicht aus der Welt. Vielmehr entsteht ein Spannungsfeld zwischen idealisierendem Glauben und wissenschaftlichem Wissen. In diesem Spannungsfeld kann die Kunst auf Augenhöhe mit der Wissenschaft agieren — nicht als Illustration von Wissen, sondern als eigenständige Erkenntnispraxis, die dazu beiträgt, Glaubenssysteme durch Wissen zu begrenzen und Wissen zugleich existenziell erfahrbar zu machen.

Aus dieser Perspektive behandelt das Symposium vier miteinander verbundene Bereiche: Kosmologie & Ordnung, Interdisziplinäre Praxis, Kunst als Erkenntnispraxis, Metakunst und Lebenskunst — Adrian Piper gewidmet — bis hin zu einer Meta-Metakunst als Architektur „fünfter Ordnung“,

Einführung durch Ralf Jochen Moser.

Kosmologie & Ordnung

In der Kosmologie begegnen sich heute die Ordnungen des Glaubens und die Ordnungen des Wissens. Bereits die Sumerer beobachteten den Himmel und projizierten die dort erkannte göttliche Ordnung auf die Erde, auf Herrschaft, Gesellschaft und Lebenspraxis. Der Kosmos erschien als sichtbarer Ausdruck einer höheren Ordnung.

Die moderne Wissenschaft hat diesen Beobachtungshorizont radikal erweitert. Sie hat den Blick über unser Sonnensystem hinaus auf Galaxien, kosmische Filamente, Schwarze Löcher, Dunkle Materie und bis an den Beobachtungshorizont der Relativitätstheorie verschoben. Dabei entsteht ein Universum, das zugleich hochgeordnet und fundamental instabil erscheint — geprägt von Entropie, Expansion, Fluktuation und emergenter Strukturbildung.

Mit dieser Erweiterung unseres Wissens verschwinden idealisierende und metaphysische Deutungen jedoch nicht. Vielmehr entsteht ein neues Spannungsfeld zwischen symbolischer Welterfahrung und wissenschaftlicher Erkenntnis.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Kunst gegen Wissenschaft steht, sondern wie Kunst im Prozess der Aufklärung auf Augenhöhe mit der Wissenschaft agieren kann: nicht als Gegenmodell zum Wissen, sondern als eigenständige Form der Reflexion, Wahrnehmung und Erkenntnis. Kunst kann wissenschaftliche Modelle nicht ersetzen, aber sie kann deren kulturelle, existentielle und imaginäre Dimension sichtbar machen — und damit Erfahrungsräume zwischen Wissen, Vorstellung und Wirklichkeit eröffnen.

Podiumsdisskussion mit Prof. Harald Fuchs, Gerhard Kilger, Ralf Jochen Moser und Rubica von Streng.

Interdisziplinäre Praxis

Die Kunst kann Erfahrungsräume zwischen Wissen, Vorstellung und Wirklichkeit insbesondere dort eröffnen, wo sie sich auf interdisziplinäre Prozesse einlässt. Gerade im Dialog mit den Naturwissenschaften entstehen Räume, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur erklärt, sondern sinnlich, räumlich und existenziell erfahrbar werden.

Dabei geht es nicht um die bloße Illustration wissenschaftlicher Modelle, sondern um eine eigenständige künstlerische Auseinandersetzung mit den offenen Fragen der Forschung. So wirft bereits die sogenannte Heisenbergsche Unschärferelation die grundlegende Frage auf, ob „Unschärfe“ überhaupt der angemessene Begriff ist — oder ob man präziser von Unbestimmtheit sprechen müsste. Die Quantenphysik beschreibt damit nicht lediglich Grenzen menschlicher Messung, sondern möglicherweise eine prinzipielle Offenheit der Wirklichkeit selbst.

Insbesondere die Kybernetik hat seit der Mitte des 20. Jahrhunderts eine Vielzahl neuer interdisziplinärer Forschungsfelder hervorgebracht. Durch die Untersuchung von Rückkopplung, Information, Selbstorganisation und Regelkreisen entstanden Verbindungen zwischen Physik, Chemie, Biologie, Neurowissenschaften, Ökologie, Informatik und Sozialwissenschaften. Gerade diese Übergangszonen zwischen den Disziplinen sind prädestiniert für künstlerische Forschung und Intervention.

Denn Kunst kann sichtbar machen, wie Ordnung aus Instabilität entsteht, wie Wahrnehmung Wirklichkeit mit hervorbringt und wie Beobachter selbst Teil der Systeme werden, die sie untersuchen. Sie kann wissenschaftliche Modelle in Erfahrungsräume übersetzen, in denen nicht nur Erkenntnis, sondern auch Wahrnehmung, Körperlichkeit, Zeitlichkeit und Ambivalenz eine Rolle spielen.

Interdisziplinäre Praxis bedeutet deshalb mehr als Zusammenarbeit zwischen Kunst und Wissenschaft. Sie eröffnet die Möglichkeit einer erweiterten Erkenntniskultur, in der ästhetische Erfahrung, wissenschaftliche Modellbildung und philosophische Reflexion zusammenwirken und sich gegenseitig transformieren. Gerade dort, wo wissenschaftliches Wissen an seine begrifflichen, sprachlichen oder imaginativen Grenzen stößt, kann die Kunst neue Perspektiven eröffnen — nicht gegen die Wissenschaft, sondern in kritischer und produktiver Nähe zu ihr.

Podiumsdiskussion mit Dr. Paul Hirsch, Ralf Jochen Moser, Dieter Nussbaum und Dominik Schmitt.

Kunst als Erkenntnispraxis

Kunst als Werkzeug von Wahrheit und Erkenntnis zu verstehen, hat eine lange historische Tradition. Bereits in der Renaissance verbanden Künstleringenieure wie Leonardo da Vinci künstlerische Praxis, technische Forschung, Anatomie, Mathematik und Naturbeobachtung zu einer gemeinsamen Erkenntniskultur. Kunst war hier nicht Dekoration, sondern ein Verfahren zur Untersuchung der Welt.

Bis heute entwickelt die Kunst eigene Methoden, Wirklichkeit sichtbar, erfahrbar und reflektierbar zu machen. Dabei entstehen Formen ästhetischer Forschung, die wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur darstellen, sondern ihre Wahrnehmungsbedingungen, kulturellen Voraussetzungen und imaginativen Räume untersuchen.

In jüngerer Zeit haben sich insbesondere Szenografie, Medienkunst und Installationskunst zu Feldern entwickelt, in denen Fragen von Wahrnehmung, Atmosphäre und Präsenz wissenschaftlich wie künstlerisch untersucht werden. Damit nähert sich die Kunst auch dem klassischen Begriff der Aura an, wie ihn Walter Benjamin beschrieben hat — allerdings unter den Bedingungen technischer Reproduzierbarkeit, digitaler Medien und immersiver Räume neu interpretiert.

Zugleich analysieren Künstlerinnen und Künstler zunehmend die materiellen und technischen Bedingungen historischer Kunstproduktion. So untersuchte etwa David Hockney gemeinsam mit dem Physiker Charles Falco spekulativ, ob alte Meister optische Hilfsmittel wie Spiegel- und Linsensysteme verwendeten, um ihre Bildräume zu konstruieren. Kunstgeschichte wird hier selbst zu einem experimentellen Forschungsfeld zwischen Wahrnehmungspsychologie, Optik und Bildtheorie.

Auch Positionen der Medien- und Konzeptkunst arbeiten an einer Erweiterung des Erkenntnisbegriffs. Künstlerinnen wie Sarah Schönfeld verbinden wissenschaftliche, mythologische und technologische Verfahren zu experimentellen Laboratorien der Wahrnehmung. Andere künstlerische Praktiken untersuchen kybernetische Systeme, künstliche Intelligenz, ökologische Prozesse oder neuronale Netzwerke als neue Formen kultureller Selbstbeobachtung.

Kunst als Erkenntnispraxis schafft dabei Experimente, in denen Wahrnehmung, Erfahrung und Reflexion miteinander verschränkt werden. Sie kann sichtbar machen, wie Wirklichkeiten konstruiert werden, wie Beobachtung den Beobachter durch Lernen verändert und wie Wissen stets an Formen der Darstellung, Modellbildung und Imagination gebunden bleibt.

Insbesondere der Fotoapparat kann in diesem Zusammenhang als ein Instrument ästhetischer Erkenntnis verstanden werden. Die Kamera dient dabei nicht nur der Dokumentation, sondern wird zu einem Medium der Selbst- und Weltbeobachtung. Fotografische Prozesse ermöglichen es, Zeit, Aufmerksamkeit, Erinnerung, Körperlichkeit und soziale Wirklichkeiten sichtbar zu machen. Wer fotografiert, beobachtet nicht nur die Welt, sondern zugleich die eigenen Formen des Sehens, Bewertens und Erinnerns.

Die Kamera kann helfen, sich selbst beim Leben zu beobachten: Bewegungen, Routinen, Beziehungen, Alterungsprozesse, urbane Räume, soziale Rollen oder alltägliche Rituale werden durch fotografische Praxis bewusst gemacht und reflektierbar. Gerade in der Wiederholung, im Ausschnitt, in der Verlangsamung oder im seriellen Beobachten entstehen Erkenntnisprozesse, die über reine Abbildung hinausgehen.

So wird der Fotoapparat zu einem Werkzeug existenzieller Forschung — zu einem Instrument, das nicht nur Bilder produziert, sondern Wahrnehmung organisiert, Erinnerung strukturiert und neue Beziehungen zwischen Wirklichkeit, Erfahrung und Bewusstsein eröffnet.

Podiumsdiskussion mit Prof. Harald Fuchs, Prof. Dr. Gerhard Kilger, Hannah S. Moser, Ralf Jochen Moser und Rubica von Streng.

Metakunst und Lebenskunst
(Adrian Piper gewidmet)
Meta-Metakunst (5. Ordnung)

In der Metakunst und Lebenskunst beginnt — inmitten all jener Stimmen, die uns sagen, wer wir sein sollen, wie wir leben sollen und welche Kunst wir machen sollen — eine stille, aber kraftvolle Bewegung: die Bewegung der Selbstbeobachtung und der Reise nach innen. Sie führt zu jener Form von Selbstbestimmung, in der Freiheit nicht als bloße Wahlmöglichkeit erscheint, sondern als bewusste Arbeit am eigenen Denken, Wahrnehmen und Handeln.

Die moderne Demokratie verspricht individuelle Freiheit. Zugleich erzeugen Gesellschaft, Medien, Institutionen, Märkte und kulturelle Normen fortwährend neue Formen sozialer Steuerung. Das kollektive „Wir“ versucht unablässig, das individuelle „Ich“ zu formen — durch Rollenbilder, Ideologien, ökonomische Zwänge, moralische Erwartungen und kulturelle Identitäten.

Gerade hier gewinnt Metakunst ihre Bedeutung. Sie reflektiert nicht nur Kunstwerke, sondern die Bedingungen ihrer Entstehung, Wahrnehmung und Bewertung. Metakunst untersucht die Systeme, die unsere Wahrnehmung organisieren: Sprache, Institutionen, Bilder, Diskurse, Technologien und soziale Regeln. Lebenskunst erweitert diese Reflexion auf die eigene Existenz. Das eigene Leben wird dabei nicht zum Objekt narzisstischer Selbstinszenierung, sondern zu einer bewussten Praxis der Selbstbeobachtung, Selbstkritik und Selbsttransformation.

Kaum eine künstlerische Position verkörpert diese Verbindung von Kunst, Philosophie und Lebenspraxis so konsequent wie Adrian Piper. In ihren Arbeiten verbindet sie Konzeptkunst, analytische Philosophie, politische Kritik und spirituelle Selbstpraxis zu einer radikalen Form ästhetischer Erkenntnis. Werke wie My Calling (Card) oder Cornered konfrontieren Betrachterinnen und Betrachter unmittelbar mit den oft unsichtbaren Mechanismen von Identität, Rassismus, sozialer Projektion und Selbsttäuschung.

Pipers Arbeiten erzeugen keine moralischen Belehrungen im klassischen Sinn. Vielmehr schaffen sie Situationen, in denen Menschen ihre eigenen Wahrnehmungsstrukturen beobachten müssen. Die Kunst wird hier zu einem Spiegel der Bedingungen des Bewusstseins selbst. Erkenntnis entsteht nicht durch Konsens, sondern durch Irritation, Reflexion und die Bereitschaft, die eigenen Annahmen infrage zu stellen.

Von hier aus lässt sich die Idee einer „Meta-Metakunst“ als mögliche „5. Ordnung“ einführen. Gemeint sind damit nicht Systeme, die Entscheidungen für Menschen treffen oder Verhalten normativ steuern. Vielmehr geht es um Architekturen der Reflexion, die Wissen aus Kunst, Philosophie, Sozialwissenschaften, Kybernetik oder Psychologie in offene Lehren und Erfahrungsräume übersetzen, ohne fertige Werturteile vorzugeben.

„Architekturen 5. Ordnung“ für die Lebenskunst oder die künstlerische Praxis wären damit keine neuen Ideologien, sondern Praktiken bewusster Orientierung in komplexen Wirklichkeiten. Sie versuchen nicht, Menschen vorzuschreiben, was sie denken sollen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen lernen können, eigene Entscheidungen reflektierter, freier und verantwortlicher zu treffen.

In diesem Sinne wird Metakunst zu einer Erkenntnislehre der Wahrnehmung und Lebenskunst zu einer Form aufgeklärter Selbstpraxis, die die Architektur des eigenen Lebens untersucht. Kunst erscheint hier nicht mehr nur als Objekt oder Ausdruck, sondern als kulturelle Technologie der Bewusstseinsbildung — als ein Raum, in dem Menschen lernen können, mit Unsicherheit, Komplexität und Widersprüchen produktiv zu leben.

Die „5. Ordnung“ beschreibt dabei eine Reflexionsebene, auf der nicht nur Kunstwerke oder gesellschaftliche Systeme untersucht werden, sondern auch die Bedingungen ihrer Modellbildung, ihrer Werteordnungen und ihrer psychischen Wirkungen. Sie fragt danach, wie Theorien, Narrative, Bilder und soziale Strukturen unser Denken formen — und wie Menschen lernen können, sich zu diesen Strukturen bewusst zu verhalten, ohne ihnen vollständig zu unterliegen.

Meta-Metakunst wird damit zu einer Praxis der geistigen Selbstaufklärung. Sie verbindet ästhetische Erfahrung mit philosophischer Reflexion und existenzieller Lebenspraxis. Ihr Ziel ist nicht die Herstellung von Gewissheit, sondern die Entwicklung von Bewusstheit: die Fähigkeit, sich selbst, die eigenen Wahrnehmungen und die kulturellen Systeme, in denen man lebt, zugleich von innen und von außen betrachten zu können.

Podiumsdiskussion mit Paul Hirsch, Hannah S. Moser und Ralf Jochen Moser.